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„Glass“-Kritik: Endlich mal ein Superhelden-Film


Philipp Schleinig  

Der Superhelden-Maschinerie von Marvel und DC kann man sich im aktuellen 21. Jahrhundert nur schwer entziehen. Die Kinos sind voller Werke, die eben auf Comics basieren oder wiederum von erfolgreichen Comic-Verfilmungen motiviert sind. Wer in dieser Dekade einen Superheldenfilm außerhalb der bewährten Vorlagen veröffentlicht, muss mutig sein oder eine verdammt gute Idee haben – oder, wie Regisseur M. Night Shyamalan, eben beides verkörpern und mit einem Masterplan kombinieren.

Der erste Streich gelang ihm 2016, als er als von Hollywood fast schon abgeschriebener Regisseur, der sich mit der vorangegangen Low-Budget-Produktion „The Visit“ bereits den Grundstein für ein Comeback legte, den ersten Teil seines Masterplans offenlegte: „Split“ kam mit einer vielversprechenden Prämisse und einer One-Man-Show daher, die Zuschauer wie Kritiker überzeugen konnte. Doch erst die letzten Minuten des Films offenbarten, was „Split“ eigentlich war – nämlich die Anknüpfung an seinen früheren Erfolgsfilm „Unbreakable – Unzerbrechlich“. Damit sorgte der frühere Meister des plot twists erneut für beeindruckte Gesichter.

Die Veröffentlichung von „Glass“ kündigte sich so gesehen also schon vor 19 Jahren an. Bereits damals wollte Shyamalan die Figur des an multipler Identitätsstörung leidenden Kevin Wendell Crumb in „Unbreakable“ als Gegenspieler einbauen, entschied sich aufgrund der Komplexität jedoch dagegen. Ein kluger Schachzug, denn im Jahr 2000 hätte der Regisseur sein Ass im Ärmel nämlich noch nicht auf dem Schirm gehabt, begann James McAvoy doch erst in diesem Zeitraum, an seiner Karriere im Filmgeschäft zu arbeiten.

Vorname „Mister“, Nachname „Glass“

Im Jahr 2019 dürfen wir nun also den zweiten Streich von Shyamalans Masterplan im Kino begutachten. Mit „Glass“ schließt sich der Kreis, treffen die Darsteller aus „Unbreakable“ – u.a. Bruce Willis und Samuel L. Jackson – auf McAvoy und Anya Taylor-Joy aus „Split“. Die Handlung ist schnell und ohne zu spoilern erklärt: Während die Bestie in Kevin Wendell Crumb immer mehr Menschenopfer fordert, versucht David Dunn (Bruce Willis) die US-Metropole Philadelphia zu einer sicheren Stadt zu machen.

Dass er dabei irgendwann auch gegen die Bestie vorgehen muss, steht außer Frage. Ihre erste Begegnung wird aber von der Psychotherapeutin Dr. Ellie Staple unterbrochen, die beide in eine geschlossene Einrichtung bringt und dort Dunn nach Jahren mit seiner einstigen Nemesis Mr. Glass (Samuel L. Jackson) zusammenführt. Diese drei Persönlichkeiten auf engstem Raum zu halten, darf wohl als keine so gute Idee betrachtet werden.

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In den engen Gängen und langen Fluren der Anstalt entfaltet sich abermals das enorme schauspielerische Talent von James McAvoy, der diesmal sogar noch mehr Persönlichkeiten seiner Figur darstellen darf. Es ist unheimlich faszinierend zu beobachten, wie er binnen Sekunden in komplett unterschiedliche Charaktere wechselt, die oftmals schon allein an der jeweils einzigartigen Mimik zu erkennen sind.

Daneben spielt Samuel L. Jackson als kriminelles Mastermind groß auf. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass „Glass“ auch eine emotionale Tiefe erreicht und er ist es auch, dem Regisseur Shyamalan die Konklusion für seine Superhelden-Trilogie, die unter dem Titel „Eastrail 177 Trilogy“, nach dem verunglückten Zug in „Unbreakable“, behandelt wird, in die Hände legt. Als eigentlich guter Held der Reihe geht Bruce Willis als David Dunn fast schon unter. Sein Part beschränkt sich vor allem auf die Ungläubigkeit und physischen Auseinandersetzungen mit dem Biest.

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Nüchtern – und dadurch besonders!

Im Vergleich zu aktuellen und beliebten Vertretern des Superhelden-Genres wird „Glass“ im Resultat ein Problem haben: Es fehlt der Bombast, das nervenaufreibende Finale, die durch ein Fingerschnipsen ausgelöste Vernichtung der halben Weltbevölkerung. Doch genau das dreht M. Night Shyamalan um und entwickelt daraus seine Stärke. Denn „Glass“ ist herrlich erfrischend und mutig nüchtern – kein überlagernder Bombast, kein den klassischen Genre-Konventionen folgendes Finale, eben kein Fingerschnipsen.

Seine Legitimation findet Shyamalan in den Ursprüngen der Comic-Geschichte und lässt dies durch die Figur der Casey Cooke (Anya Taylor-Joy) verlautbaren: Superman konnte nicht von Anfang an fliegen. Gemeint ist, dass zur Anfangszeit der berühmten Comics, die heute als Vorlagen für gigantische Franchise dienen, vor allem einfache Menschen mit verstärkten Kräften vorkamen. Nichts anderes sind Kevin Wendell Crumb, David Dunn und Mr. Glass – jeder von ihnen besitzt einzigartige Fähigkeiten, die jedoch nicht überspitzt, sondern vielmehr aus dem Menschlichen nachvollziehbar sind, eben Kraft und Intelligenz.

Und so folgt es einer logischen Kongruenz zu „Unbreakable“ und „Split“, wenn eben diese Nüchternheit auch „Glass“ bestimmt, die wiederum auf den Punkt von Shyamalan umgesetzt wurde ­– ohne Weltuntergangsstimmung, ohne unzählige zivile Kollateralschäden, ohne ein überladenes Finale. Der Aussage des Regisseurs, dass „Glass“ „der erste, wirklich grundierte Comic-Film“ sei, ist in der Schlussfolgerung also nur zuzustimmen.

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